Schon als Student wollten Sie unbedingt Herzchirurg werden. Warum?
Die Chirurgie am Herzen ist vielschichtiger als an einem nichtbewegten Organ. Als Student wusste ich aber noch nicht, dass ein Herzchirurg weit mehr Stress hat als jeder andere Chirurg.
Stress führt zu Infarkten, warnen Ärzte ...
Ja ja. Ich denke aber, dass Stress in Form von Arbeitsbelastung oder Problemen das Herz nicht krank macht. Viel wichtiger ist, wie der Mensch den Stress verarbeitet. Ich bekomme sehr viel Belohnung für meine Arbeit, etwa den Dank der Patienten nach der Operation. Das ist die Chance, Stress in Energie umzuwandeln.
Gibt es Momente, in denen Sie Ihre Berufswahl bereuen?
Nein. Obwohl ich natürlich manchmal gerne draußen etwas essen würde oder in den Park gehen, einfach so.
Es gibt zu viele Tage, an denen ich morgens im Dunkeln in der Klinik
ankomme und abends im Dunkeln wieder rausgehe. Aber dann sind da jene Momente der Dankbarkeit, vielen Menschen helfen zu können.
Wer helfen will, muss leiden?
Das bisschen Freizeit muss ich tatsächlich auf meinen Job abstimmen. Ich mache 450 Operationen im Jahr, meistens zwei pro Tag. Ich kann am Tag vor der Operation keinen Ausdauersport machen, weil ich dann am nächsten Tag nicht 100 Prozent Leistung im OP bringen kann. Ich darf nicht schwer essen, weil ich dann unruhig schlafe.
Wie lange dauert eine Herzoperation?
Bei Operationen am offenen Herzen muss das Herz vorübergehend stillgelegt werden. Das darf nicht länger als drei Stunden dauern.
Können Sie den Eingriff unterbrechen?
Nein.
Kommen Ihnen bei so konzentrierter Arbeit manchmal Selbstzweifel?
Nein. Wenn ein Rennfahrer denkt, jetzt sollte ich langsamer fahren, ist er nicht für seinen Job geeignet.
Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik hatte unaufhörlich Selbstzweifel.
Wir Herzchirurgen haben eine viel höhere Belastung als die Ärzte aus den Fernsehserien. In den Serien widmet sich der Arzt stark den persönlichen Problemen und dem Alltagsleben des Patienten. Wenn ich das in dem Maße tun würde, wäre ich in ein paar Monaten reif für die Psychiatrie. Ich kann diese Serien nur mit starken Bauchschmerzen angucken. Aber ich kenne Kollegen, die das gern sehen.
Bleibt Ihnen und Ihren Kollegen wenigstens Zeit, sich mit der psychischen Situation Ihrer Patienten zu beschäftigen?
Selbstverständlich. Patienten mit einem kranken Herzen, die in eine so hoch technisierte Spezialklinik kommen, haben zunächst einmal eines, und das ist Angst. Unsere erste Aufgabe sehen wir daher darin, einen Teil dieser Angst abzubauen und Vertrauen zu schaffen, Vertrauen zu den Personen des Pflegeteams und zum ärztlichen Team. Aber auch Vertrauen in die Heilkraft der modernen Medizin, die unser Werkzeug darstellt.
Es gibt viele herzchirurgische Zentren in Deutschland. Gibt es einen Kampf um Patienten?
Ja, auch deshalb sind zusätzliche Spezialisierungen, wie wir sie hier in der Herzchirurgie des Deutschen Herzzentrums aufweisen können, immer bedeutsamer. Die bestmögliche medizinische Versorgung und das Wohl unserer Patienten bestimmen unser Denken und Handeln, weshalb unsere Patienten uns gerne weiterempfehlen.
Werden Gen- und Biotechnologie die Herzchirurgie verändern?
Beide Bereiche werden die Chirurgie sehr stark verändern. In einigen Jahren wird sicherlich sehr viel weniger operiert werden, weil man in der Lage sein wird, Erkrankungen zu verhindern.
Für viele ist das Herz kein normales Organ, sondern Sitz der Gefühle, der Emotionen. Was ist das Herz für Sie?
Diese emotionale Belegung entspringt der Fantasie der Menschen, die ist nicht real. Trotzdem habe ich als Arzt Respekt vor dem Herzen. Es hat eine zentrale Stellung im Körper. Es ist ein Organ, bei dem man das Gefühl hat, dass es im Menschen selber noch mal lebt. Aber das ist natürlich Blödsinn, weil wir ja nur deshalb leben, weil das Herz den Kreislauf unterstützt.