Pressemitteilung des Deutschen Herzzentrums München, 28.11.2012

Pressekonferenz am 28. November 2012 im Deutschen Herzzentrum München (DHM) - Interview mit Prof. Dr. Schunkert

Dem Deutschen Herzzentrum München ist es gelungen, zwei weitere weltweit anerkannte Kapazitäten zu gewinnen: Professor Dr. Heribert Schunkert übernimmt ab sofort im Deutschen Herzzentrum München die Direktion der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen. Aus diesem Anlass spricht Professor Dr. Heribert Schunkert in diesem Interview über die Aufgaben seiner Klinik und eines seiner Ziele, die Bevölkerung besser aufzuklären und allein damit mehr Menschen das Leben zu retten.

Herr Professor Dr. Schunkert, Sie sind als international hoch angesehener Experte seit Jahren den Ursachen der koronaren Herzkrankheit auf der Spur. Können Sie uns die Gründe nennen, warum trotz intensivster Bemühungen jährlich allein in Deutsch-land fast 60 000 Menschen an einem Herzinfarkt sterben?
Professor Dr. Schunkert: Deutschland und vor allem Bayern haben mit ihren Be-handlungsmöglichkeiten für Herzinfarktpatienten eine weltweit herausragende Stellung. Die Kardiologie hat in den vergangen Jahren auf dem Gebiet der Öffnung von Herzkranzgefäßen - die bei Verschluss zu einem Infarkt führen - revolutionäre Fortschritte gemacht, um das Leben von Patienten zu retten. Auch die Medikamente zur Behandlung von Herzerkrankungen sind stetig besser geworden. Trotzdem mussten wir Kardiologen lernen, dass wir - auch wenn wir unseren Job noch so gut machen - nur ein Glied in einer Behandlungskette sind.

Was steht denn am Anfang der Kette?
Professor Dr. Schunkert: Der Patient selbst. Ein Herzinfarkt beginnt oft mit Symp-tomen, die richtig eingeschätzt werden müssen. Zum Beispiel Übelkeit oder Schmerzen im Arm. Gerade Männer neigen dazu, diese Beschwerden nicht ernst zu nehmen und zu verdrängen. Nach dem Motto: Das wird schon wieder. Da geht dann oftmals die Arbeit oder ein wichtiges Fußballspiel vor. Wegen dieser Verdrängung der ersten Beschwerden sterben fast 30 Prozent der Herzinfarktpatienten, noch bevor sie die Klinik erreichen. Auch hierbei handelt es sich in der Mehrzahl um Männer.

Sind Männer also beim Herzinfarkt das schwache Geschlecht?
Professor Dr. Schunkert: Das kann man so sagen. Bei einem Herzinfarkt kommt es zu allererst auf die schnelle Entscheidung an, den Notarzt zu rufen. Davor scheuen sich Männer mehr als Frauen. Studien haben gezeigt, dass es sehr gut ist, beim Auftreten von Beschwerden andere Personen um Rat zu fragen. Am besten eine Frau! Frauen sind sehr guter Ratgeber.
Paradoxerweise wirken sich auch besonders starke Schmerzen hinter dem Brustbein und eine manchmal damit verbunden Todesangst als lebensrettend aus. Da fällt die Wahl der 112 wesentlich leichter, egal ob Mann oder Frau.

Sind denn Herzinfarktpatienten beim Notarzt gut aufgehoben?
Professor Dr. Schunkert: Auf jeden Fall. Das sind die Spezialisten, wenn es schnell gehen muss. In der Regel fährt der Notarzt einen Patienten mit verdächtigen Beschwerden sofort in die nächste Chest-Pain-Unit. Davon gibt es in Deutschland 150. Diese Chest-Pain-Units sind darauf spezialisiert, rund um die Uhr, schnell abzuklären, ob wirklich ein Herzinfarkt vorliegt. Niemand sollte sich scheuen, diese Einrichtungen bei Beschwerden in Anspruch zu nehmen. Besser ein Fehlalarm als tot.

Gibt es denn für den Einzelnen keine Möglichkeit, auch ohne Beschwerden sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob man einen Herzinfarkt bekommt oder nicht?
Professor Dr. Schunkert: Wer Bedenken hat oder sich sicherheitshalber einmal durchchecken lassen möchte, kann dies bei einem niedergelassenen Kardiologen tun. Dieser macht ein Belastungs-EKG und kontrolliert die Risikofaktoren wie Blut-hochdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel, zu hohe Cholesterinwerte, Diabetes und Rauchen. Begründet sich bei diesen Faktoren oder aufgrund von Angina pectoris Beschwerden bzw. auffälligen Untersuchungsbefunden ein Verdacht, dann sollte man in eine Spezialklinik gehen und diesem Verdacht mit einer Katheteruntersuchung weiter nachgehen. Liegt eine koronare Herzkrankheit vor, die aber keine Beschwerden verursacht, sollten die genannten Risikofaktoren überwacht und einmal im Jahr beim Herzspezialisten ein Belastungs-EKG gemacht werden.

Welche Rolle spielen bei einer Diagnostik die Erbfunktionen, also die genetische Veranlagung eines Patienten? Das ist ja Ihr Spezialgebiet.
Professor Dr. Schunkert: Leider gibt es im genetischen Code bislang keine hun-dertprozentigen Hinweise die sagen, ob ein Mensch einen Herzinfarkt bekommt oder nicht. Das liegt daran, dass jeder von uns Erbfunktionen in sich trägt, die einen Herzinfarkt begünstigen können. Mitunter ist eine Häufung von diesen Erbfunktionen ausschlaggebend, mitunter eine Kombination von ganz bestimmten. Dies führt dazu, dass Menschen wie beispielsweise einer unserer Altkanzler rauchen können, so viel sie wollen, während andere einen ganz gesunden Lebensstil führen und trotzdem einen Herzinfarkt bekommen. Diese vielen Kombinations- und Einflussmöglichkeiten bei den Erbfunktionen machen eine Vorhersage schwierig. Genau deshalb ist es so wichtig, bei den ersten Anzeichen, sofort zu reagieren und den Notarzt zu rufen.

München, den 28.11.2012


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